Thermtec VENTUS im Test: Das ultimative Wärmebild-Fernglas?
17.04.2026
ThermTec hat sich bei Multispektral-Binokularen bewusst Zeit gelassen – und das Ergebnis kann sich sehen lassen. Das Ventus 635L vereint 35-mm-Wärmebildoptik, 4K-Nachtsicht mit umschaltbarem IR-Strahler und Tageslichtkanal in einer Hand. Was das Gerät in der Praxis leistet, wo es glänzt und wo noch Luft nach oben ist, zeigt dieser Test auf Basis echter Feldbeobachtungen.
Was steckt hinter dem Begriff Multispektral?
Anders als eine klassische Wärmebildkamera kann das Ventus Objekte auf mehrere Arten sichtbar machen: bei Tag arbeitet es im normalen Lichtspektrum (400–780 nm), in der Dämmerung wechselt man in den aktiven Nahinfrarotbereich – und wenn dichter Bewuchs das Infrarotbild blockiert, schaltet man einfach den Wärmebildkanal dazu. Ergänzt wird das Ganze durch einen Laser-Entfernungsmesser. Multispektral bedeutet hier also wirklich: alle relevanten Sehbereiche abgedeckt, ein einziges Gerät in der Hand.
Das Ventus ist technisch kein Binokular im klassischen Sinn – es hat zwei Okulare und OLED-Displays, erzeugt aber kein stereoskopisches 3D-Bild. Korrekte Bezeichnung wäre „Biocular”. Im Alltag und in der Branche hat sich „Multispektral-Binokular” trotzdem durchgesetzt.
Infrarotstrahler: Das Alleinstellungsmerkmal
Der entscheidende Unterschied zu allen Mitbewerbern: Der IR-Strahler des Ventus 635L lässt sich per Schalter zwischen zwei Wellenlängen umschalten – ohne Werkzeug, ohne Umrüstung, direkt im Feld.
Im Praxistest war dieser Unterschied direkt erlebbar: Ein Frischling auf rund 30 m reagierte beim Umschalten von 940 auf 850 nm sofort – er äugte auf. Nach dem Zurückschalten auf 940 nm verlor er das Interesse wieder. Einen direkteren Beweis für den praktischen Mehrwert gibt es kaum. Bei Konkurrenzgeräten muss diese Wahl vor dem Kauf oder vor dem Ansitz getroffen werden – oder man schleppt einen separaten Strahler mit. Beim Ventus entscheidet man situativ per Schalter. Wer den Strahler gar nicht braucht, schraubt ihn einfach ab und lässt ihn zu Hause.
Bedienung und Ergonomie
Erste Schritte – unbedingt vorher üben
Das Ventus ist kein klassisches Wärmebildgerät mehr, sondern ein komplexeres System mit vielen Modi. Wer das Gerät zum ersten Mal auf dem Ansitz in der Hand hat, wird Zeit brauchen. Empfehlung aus der Praxis: vor dem ersten Reviereinsatz alle Funktionen in Ruhe durchgehen – idealerweise bei Tageslicht oder an einem Sauenpark.
Wer in stockfinsterer Nacht das erste Mal eine Rotte vor sich hat, ist mit einem unbekannten Gerät klar im Nachteil. Keine Raketenwissenschaft – aber unbedingt vorher alle Modi einmal durchschalten, bevor man rausgeht.
Augenabstand und Dioptrien – zuerst einstellen
Direkt am Anfang den Augenabstand der beiden Okulare anpassen – sonst entstehen Doppelbilder. Anschließend beide Dioptrienräder separat einstellen. Empfehlenswert: dafür ein Menü aufrufen und die Schrift als Referenzpunkt nutzen, um sicherzugehen, dass beide Okulare wirklich scharf stehen.
Vier Haupttasten, zwei Fokusräder
Die vier Hauptbedientasten sitzen oben, logisch angeordnet – leider nicht frei konfigurierbar. Besonders gelungen: zwei separate Fokusräder für Wärmebild- und Nachtsichtkanal. Im Display wird immer angezeigt, welches Rad gerade aktiv ist. Mit dem großen Steuerrad wechselt man per Druck zwischen den Kanälen, per Drehen zoomt man bis 4× digital in beiden Kanälen. Langer Druck führt ins Menü.
Näherungssensor und Standby
Der Näherungssensor schaltet das Gerät automatisch ein und aus, wenn man es von den Augen nimmt – praktisch, weil dadurch verhindert wird, dass man versehentlich stundenlang den Boden filmt. Kleines Ärgernis: beim Kanalwechsel stoppt die Videoaufnahme automatisch. Schade, wenn man in diesem Moment gerade aufzeichnet.
Beim ersten Verbinden mit der App müssen die Sucher eingeschaltet sein – nicht im Standby – sonst ist das WLAN-Netz nicht sichtbar. Einmal verbunden läuft die App auch im Standby weiter.
Akkuversorgung – durchdacht und praxisnah
Das Ventus läuft mit zwei handelsüblichen 21650-Akkus. Kein proprietäres System, kein teurer Systemakku – Ersatz gibt es für kleines Geld überall. Das Akkufach lässt sich auch im Dunkeln gut bedienen, weil die Akkus einfach kreuzweise eingelegt werden. Die Polarität spielt keine Rolle, solange sie entgegengesetzt liegen – im Dunkeln einfach die Kerbe ertasten, reinlegen, fertig.
Im Test waren nach knapp vier Stunden intensivem Betrieb noch zwei von fünf Akkubalken übrig. Mit dem mitgelieferten zweiten Akkusatz kommt man problemlos durch eine ganze Nacht. Ein externes USB-Laden ist nicht vorgesehen – angesichts der Kapazität aber auch nicht nötig.
Beide Akkus einfach kreuzweise einlegen – egal welche Orientierung, Hauptsache entgegengesetzt. Wirklich gut durchdacht und erleichtert den Akkuwechsel in stockfinsterer Nacht erheblich.
Nachtsicht und Wärmebild in der Praxis
Wärmebild: 35 mm, f/0,9
Die 35-mm-Wärmebildoptik mit f/0,9 zeigt auch durch dichten Bewuchs hindurch. Im Test stand eine Rotte auf der anderen Seite eines Wegs hinter dichtem Gebüsch – das Wärmebild zeigte sie trotzdem deutlich. Genau hier hätte Nachtsicht nichts gebracht: bei Ästen im Vordergrund leuchtet man nur die Vegetation an, das Wild dahinter bleibt unsichtbar.
Nachtsicht: 4K mit Bildstabilisierung
Die Bildstabilisierung ist in drei Stufen schaltbar und arbeitet sowohl im Nachtsicht- als auch im Tageslichtkanal – nicht aber im Wärmebildkanal. Das ist technisch bedingt und im Praxiseinsatz kaum ein Problem. Freihand gehaltene Aufnahmen auf 65 m zeigen Keiler im Detail, auch beim digitalen Zoom bleibt das Bild erstaunlich ruhig.
IR-Strahler zu eng eingestellt: das Bild wirkt dann in der Mitte überbelichtet und an den Rändern dunkel. Den Fokus des Strahlers so drehen, dass das gesamte Sichtfeld gleichmäßig ausgeleuchtet ist – nicht nur der digital gezoomte Ausschnitt.
Bild-in-Bild: beide Kanäle gleichzeitig
Die Bild-in-Bild-Funktion, die beide Kanäle gleichzeitig einblenden kann, ist ein echtes Alleinstellungsmerkmal. Beim Abglasen tagsüber lässt sich so ein Stück hinter Bewuchs mit dem zusätzlichen Wärmebild aufspüren, das man mit einem normalen Fernglas einfach überschwenken würde.
Tauglichkeit als Fernglas-Ersatz am Tag
Bei 1,5× Digitalzoom erreicht das Ventus in etwa die Vergrößerung eines 7×42-Glases. Die Bildqualität eines hochwertigen optischen Glases erreicht der 4K-Sensor naturgemäß nicht – aber darum geht es nicht primär. Entscheidend ist sicheres Ansprechen: der digitale Zoom mit Bildstabilisierung macht hier einen entscheidenden Unterschied. Ein 12×-Glas aus der Hand zu halten ist kaum möglich, das Ventus hält das Bild auch bei 4× freihand ruhig. Dazu Laser-Entfernungsmesser und Wärmebild parallel – das kann kein Fernglas.
Zum Pirschgang ist das Ventus weniger geeignet: mit beiden verblendeten Augen und einem Sichtfeld von nur 21,9 m auf 100 m fehlt der Überblick. Das gilt aber für alle Geräte dieser Bauform.
Bewertung
- IR-Strahler zwischen 850 / 940 nm umschaltbar – einzigartig
- Ergonomische Daumenauflagen, hochwertiges Finish
- Zwei separate Fokusräder pro Kanal
- Handelsübliche 21650-Akkus, narrensicheres Einlegen
- IP67 – vollständig wetterfest
- Bild-in-Bild beider Kanäle gleichzeitig
- Bildstabilisierung in 3 Stufen
- Lenscap etwas wabbelig (Flip-Cap wäre besser)
- Kanalwechsel stoppt Videoaufnahme
- Tasten nicht frei konfigurierbar
- Kein externes USB-Laden
- Kein Weißabgleich-Preset für Tageslicht
- Eingeschränktes Sichtfeld (21,9 m / 100 m)
635L oder 650L – welches Modell passt?
Das Ventus 635L ist für die meisten Anwender die richtige Wahl. Wer regelmäßig auf größere Entfernungen ansitzt und mehr Details im Wärmebild braucht, sollte einen Blick auf das Ventus 650L werfen: identische Elektronik, identische Bedienung, aber 50-mm-Wärmebildoptik statt 35 mm. Das bringt engeres Sichtfeld (ca. 15 m auf 100 m) und mehr Grundvergrößerung – ideal für offenes Gelände und Weitstrecken. Für Waldrevier und vielseitigen Einsatz ist das 635L mit seinem breiteren Überblick die flexiblere Wahl.
Das ThermTec Ventus 635L ist bei Venari Jagdtechnik erhältlich – inklusive persönlicher Beratung, auch außerhalb regulärer Öffnungszeiten.
Ventus 635L ansehen Zum 650L (50 mm)




